Großer kleiner Bruder

Viel Applaus für die Studie, „Standing Ovations“ für das Serienmodell, nicht zuletzt ausgelöst durch den aufgerufenen Preis und jetzt, gut zwei Jahre nach dem Erstkontakt mit der Idee dem California ein Brüderchen zu schenken, endlich die Möglichkeit den Grand California nicht nur in irgendwelchen Messehallen zu durchklettern, sondern ihn auch zu fahren. Viel mehr noch, 48 Stunden mit ihm unterwegs zu sein, zwei Übernachtungen inklusive. 

Perfekte Bühne für einen großen Wurf.

Volkswagen hat sich dafür einen Ort ausgesucht der vielleicht nicht als klassischer Hot Spot der Branche durchgeht, aber dennoch viel für dieses Spezies von Urlaubern zu bieten hat. Von Wien aus dauert es schon mit dem Flieger gut sieben Stunden um Gran Canaria zu erreichen, mit dem Wohnmobil ist eine Woche als Minimum für die Anreise zu kalkulieren. 

Optisch fast so dezent und elegant wie ein normaler California.

Dort angekommen gibt es knapp zusammengefasst reichlich Wind, viel Sonne, deutsches Radio – auch dort wo man gerne darauf verzichten würde – und enge perfekt asphaltierte Bergstraßen die Biker jubeln und Wohnmobilisten verzweifeln lassen. Ideales Terrain also um ein Modell zu präsentieren, das unter anderem hinsichtlich der Fahrdynamik Maßstäbe setzen soll. Nicht nur in der eigenen Klasse, sondern ganz allgemein. 

Camping in Gran Canaria bedeutet sich auf das Wesentliche zu beschränken. Da macht ein gut ausgestattetes Fahrzeug doppelt Sinn.

Damit das gelingt hat Volkswagen das 177 PS starke 2,0 Liter Diesel Aggregat als Basis auserkoren und dies fix an das bekannte Achtgang Doppelkupplungsgetriebe geflanscht. Ähnlich gut aufgestellt präsentiert sich die Crafter Basis hinsichtlich der möglichen Assistenzsysteme und beim Thema Sicherheit erhebt man in Hannover bzw. im westpolnischen Wrzesnia (hier rollt der Crafter vom Band) ebenfalls den Anspruch Maßstäbe zu setzen. 

Jede Menge Licht dringt auf Wunsch in den Innenraum.

Für all die Dinge, die das Thema Reisen betrifft hat sich Volkswagen an der erfolgreichsten Basis die der Markt zu bieten hat, orientiert. Wie gut, dass die mit dem California dem eigenen Haus entspringt. Knapp zusammengefasst könnte man sagen, man hätte das bekannte Aufstelldach gegen ein fixes Hochdach getauscht und eine Nasszelle samt WC dazu gepackt und alles ein bis zwei Nummern größer dimensioniert. 

Die Steuerungseinheit funktioniert einwandfrei und ist selbsterklärend.

Ganz so leicht wie das hier klingt war es dann aber doch nicht. Portionsweise galt es Alltagstauglichkeit gegen Reisetauglichkeit einzutauschen und dabei nie das Gleichgewicht zu verlieren. Man hat also im 600er – alternativ gibt es auch einen 680 der Längsbetten, ein normales Hochdach und 80 Zentimeter mehr Außenlänge die sich auch durch zusätzlichen Stauraum bemerkbar macht. Für Österreich ist dieses Modell aufgrund der Gewichtsschranken ein echtes Nischenprodukt mit vermutlich nur ein paar Handvoll Kunden pro Jahr. – nicht nur eine voll alltagstaugliche Nasszelle, sondern auch eine für überschaubar komplexe Gerichte ausreichend große Küche installiert. Gekocht wird hier klassenüblich im Stehen und nicht wie vom California gewohnt im Sitzen. Deutlich größer sind auch die Ablagen und auch der Kühlschrank bietet einer vierköpfigen Familie die fürs Wochenende gewünschte Frische. 

Vom großen Tisch würde ich mir mehr Flexibilität wünschen.

Umziehen und spazieren gehen, an Tagen an denen man aufgrund der Wetterbedingungen nicht mal die Tür öffnen möchte, geht alleine oder zu zweit ganz gut, mit zusätzlich zwei Kindern an Bord sind disziplinierende Maßnahmen fallweise vermutlich unausweichlich. Der für das Familienglück unerlässliche Tisch, ist während der Fahrt am Heckbett zu verzurren und am Stellplatz angekommen mit ein zwei Handgriffen in einer Schiene vor der Rücksitzbank einzuhängen. Das klingt ein wenig mühsam und ist es in der Praxis auch. 

Die dünne Serienmatratze ist deutlich bequemer als sie aussieht.

Zumindest dann, wenn hinten niemand sitzt bleibt der Tisch somit in der Regel einfach stehen. VW weiß aber, dass hier spätestens beim Modellwechsel eine schlauere Lösung hermuss. Überraschend praktisch und für Menschen bis 1,85 Metern gut nutzbar, ist das hintere Querbett. Schon nach ein paar Stunden der Eingewöhnung hat das anfängliche stoßen am umliegenden Kunststoff ein Ende, in der zweiten Nacht findet sich dann auch schon ein Winkel aus dem der Blick aus dem Dachfenster bereits barrierefrei möglich ist.

Das Fahrrad am Heck reduziert das Sichtfeld des Querschläfers.

Von Beginn an ein Genuss, ist der Blick durch die kleinen Fenster der Hecktüre (es lässt sich öffnen und durch ein Gelsengitter auch nachts gut nützen), selbst dann wenn ein Fahrrad zwischen Natur und Auge fest verankert ist. Nicht ganz so kommod, aber für einen Erwachsenen genauso nutzbar wie für zwei Kinder ist das optionale Dachbett über der Sitzgruppe. Extrem stabil ausgeführt, dient das ausziehbare Bett sportlichen Naturen sogar als Basis für Klimmzüge. Der Zugang zum Bett erfolgt dabei (theoretisch) über eine Klappleiter die vermutlich niemand wirklich nutzen wird. Erstens weil sie ständig im Weg steht und zweitens, weil es nur zwei Schritte über Sitzbank und Küche sind, um oben sicher anzukommen.

Alles drin und dennoch genug Bewegungsfreiheit.

Der vielleicht größte Unterschied zum normalen California ist das Vorhandensein einer vollwertigen Nasszelle. Gerüstet für die Katzenwäsche zwischendurch genauso wie für eine ausführliche Dusche ist es möglich auch abseits von Campingplätzen erfrischt und sauber in den Tag zu starten. Auch sportliche Naturen werden die Nasszelle schnell schätzen erlaubt doch der Wasservorrat von 110 Litern mindestens fünf ausführliche oder doppelt so viele knappe Duschvorgänge. Warmwasser dafür gilt es dabei rund 15 Minuten zuvor auf Knopfdruck vorzuwärmen. Während der Wassertank serienmäßig beheizt ist, muss der Abwassertank hierzu individuell nachgerüstet werden. 

Alternativ bietet VW auch die Möglichkeit eine Minigasflasche für die Küche zu installieren und die Heizung ausschließlich mit Diesel zu betreiben. Das spart Gewicht und schenkt dem Nutzer einen zusätzlichen Abstellraum.

Wer mit dem Grand California auf Reisen geht wird sich im Vorfeld auch dem vorhandenen Stauraum mit großer Hingabe widmen. Die Staufächer oberhalb des Heckbetts sind nicht ganz so groß wie man anfangs vermuten würde und die Fächer im großen Heckraum sind sofern man nicht ganz auf Diesel in Sachen Heizung setzt – optional möglich und für Freisteher sicherlich eine gute Wahl –  mit Wassertanks, zwei 11 kg Gasflaschen, Keilen, Werkzeug und allerlei anderen Camping Utensilien rasch ausgefüllt. In die Mitte passen dann immer noch fünf große Sporttaschen, gelungene Campinglogistik sieht dennoch anders aus wodurch hier die eigenen Kreativität gefordert ist. 

Der hoch angebrachte Radträger ist gut geschützt, die Montage eines großen Rades erfordert allerdings Übung und auch beim öffnen und schließen ist das montierte Rad immer irgendwie im Weg.

Wer jedoch denkt dieses Problem mit Schienensystemen aus dem Zubehörbereich Herr zu werden, tut gut daran das Gewicht nicht aus den Augen zu verlieren. Rund 3.100 Kilogramm bringt der frontgetriebene Grand California mit vollem Treibstofftank und 20 Litern Wasser an Bord auf die Waage. Die magische Grenze von 3,5 Tonnen ist somit extrem schnell erreicht, ein Problem bei dem der VW in bester Gesellschaft mit allen relevanten Mitbewerbern ist. 

Der im Testbetrieb gut 3,2 Tonnen schwere Grand California fährt sich so einfach wie ein etwas größerer Golf.

Dass diese 3,5 Tonnen Grenze wirklich nicht mehr zeitgemäß ist, wird spätestens dann klar, wenn der Grand California in sportlicher Manier über das Straßennetz der spanischen Insel gezirkelt wird. Extrem sicher im Handling, sattelfester auf der Bremse als die meisten leeren Kastenwagen der günstigeren Mitbewerber und so kräftig, dass die Mietwagenkolonne auch an langen Steigungen souverän in die Schranken gewiesen werden kann. 

Offroadaktivitäten verlangen bedingt durch die weit hinunter ragende Trittstufe nach einer vorausschauenden Fahrweise.

Optisch auf den ersten Blick etwas kopflastig, wirkt sich die gut 3,0 Meter hohe Dachkonstruktion fahrdynamisch kaum aus. Erst dann, wenn die Rutschgrenze auf Asphalt bereits da und dort erreicht wird informiert der Grand California darüber, dass da obendrauf noch was sitzt. Top auch die Themen Übersicht zu den Seiten und nach vorne. Darüber was hinten vorgeht informiert eine am Dach angebrachte Kamera, die zumindest dann wenn kein Fahrrad mit dabei ist, sicheres reversieren erlaubt. 

Die zwei Sessel und der kleine Tisch können als Extra geordert werden und finden in den beiden Hecktüren Platz.

Geblendet von den doppelten Jalousien – wahlweise Gelsengitter oder Sichtschutz je nachdem ob von oben gezogen oder von unten geschoben wird – an den Fenstern der Hecktüren, den Seitenfenstern und den Dachluken – die hintere Dachluke entfällt bei all jenen die eine Dachklimaanlage ordern – gleicht es moralisch einer Niederlage jeden Abend die Stofffetzten an der Frontscheibe und den beiden vorderem Seitenfenstern zu montieren. Das dauert zwar nicht lange und auch der Verdunkelungsgrad ist in Ordnung – es ist aber einfach unpassend für ein Modell dieser Preisklasse. 

Alleine genutzt taugt der Grand California als perfektes Freizeit- / Businessmobil in das man am liebsten ganz einziehen möchte.

Nach 48 Stunden und knapp 400 Kilometern fällt es nicht nur schwer Gran Canaria sondern auch Grand California zu verlassen. Zwar erfüllen die gefahrenen Vorserienmodelle noch nicht die von Volkswagen gewohnte Fertigungstiefe und auch der Umstand, dass es den 600er als 3,5 Tonner vermutlich nicht mit Allradantrieb geben wird schmerzt, ansonsten aber zeigt Volkswagen ganz klar, dass sich der große kleine Bruder perfekt in das vom California aufbereitete Feld integriert. Maximale Alltagstauglichkeit, ein unerreicht großes Servicenetz und ein Preis der ausstattungsbereinigt unter dem des kleinen California liegt – die Basisvariant inkl. 177 PS Diesel, DSG und umfassenden Garantien wird bei rund 70.000,- Euro starten – sollten ausreichen um den Grand California zum Erfolg zu machen. Bis dahin wird allerdings noch etwas Zeit vergehen. Die ersten bereits vorkonfigurierten Fahrzeuge kommen im Oktober zu uns, wirklich los geht es dann mit der Auslieferung individuell konfigurierter Fahrzeuge im Frühjahr. Alles zum Thema Grand California wird seitens Volkswagen Nutzfahrzeuge zudem auch auf dem Caravan Salon in Wels gezeigt werden.  

Info: http://www.vw-nutzfahrzeuge.at

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